Die Rustikalität der Dinge


Ich bin ein Kind der 80er und Gott war das schön. Ich wollte eigentlich nie zu der „Früher-war-alles-besser-Spezies“ gehören aber nun ja…Nein es war nicht per se alles besser (Gott sei Dank, ich konnte mich gerade noch retten). Aber vieles war simpler, einfacher, ja unkomplizierter, rustikaler.

Rustikal, ja das Wort gefällt mir und passt auch hervorragend zu der Geschichte welche ich euch erzählen möchte. Doch lasst mich ein wenig ausholen und euch die Kindheit eines 80er Spunds näher bringen.

Es gab zwei  Fernsehsender (wenn der Wind richtig wehte im besten Fall dreieinhalb und am Samstagabend versammelte sich die ganze Familie und schaltete auf den italienischsprachigen TSI, um zusammen Scacciapensieri zu schauen. Merke: Roadrunner und Bugs Bunny sind universell lustig und lassen sich nicht durch eine Sprache eingrenzen!

Um die Lieblingsmusik in seine „Mediathek“ aufzunehmen, sass man am Samstagnachmittag vor dem Radio / Kassettenspieler, hörte sich die Hitparade an und im entscheidenden Moment, wenn der aktuelle Lieblingssong gespielt wurde, hechtete man wie von der Tarantel gestochen in Richtung „REC“-Taste und startete die Aufnahme von David Hasselhoffs neustem Hit auch höchstens zehn Sekunden zu spät; aber was soll‘s, man hatte es erwischt und mit etwas Glück quatschte der Moderator auch nicht eine halbe Minute vor Liedende dazwischen um einen lustigen Spruch abzulassen.

Die so aufgenommenen „Hit-Mix –Tapes“  wurden dann auf dem Pausenplatz getauscht und wiederum überspielt und zwar so lange bis man auf der hundertsten Kopie einer Kopie eigentlich nur noch das Rauschen des Meeres hören konnte.

Das war einer der Gründe, warum niemand die dämlichen Texte kannte, man konnte schlicht nicht erkennen was da hinter dem Rauschen gesungen wurde. Auf jeden Fall kam da die Musikindustrie nicht angerannt und hat wie ein kleines Mädchen nach einer Boybandauflösung rumgeheult, weil sich ja niemand mehr die Platten kaufte…

 

Als Kind vom Land war es auch üblich mit ein paar Freunden (und vor allem ohne Eltern) in den Wald zu gehen und sich Hütten zu bauen.

Jeder Junge hatte ein Sackmesser dabei und wir konnten ganze Sommer rumkriegen indem wir nachmittags in den Wald (für unsere jungen Leser: Das ist eine Ansammlung von Laubbäumen und Nadelhölzern) latschten, Hütten errichteten und an der Feuerstelle gebannt in die Flammen starrten, um abends wie ein geräucherter Hinterschinken riechend nach Hause zu kommen.

Feuer?

„Das ist doch gefährlich!“  werden jetzt sicher einige besorgte Eltern einwerfen.

„Ja, Feuer!“ entgegne ich euch!

Wir waren Sieben Jahre alt und waren alleine im Wald und machten Feuer!

Zum einen wussten wir ob der Gefahren und damit ist nur zum Teil die Gefahr eines Brandes gemeint; zu einem grossen Teil wussten wir, wenn wir Scheisse bauen würden, bekämen wir echt, sowas von die Hucke voll, dass wir bis heute nicht sitzen könnten.

Aber unsere Eltern schenkten uns auch Vertrauen. Sie wussten dass wir nicht aus Porzellan sind und liessen uns auch wichtige Erfahrungen selber machen…wie zum Beispiel der Tatsache dass es nicht ratsam ist, in einer mit Tannästen abgedeckten Hütte Feuerchen zu machen…

Muss man halt selbst draufkommen!

Hier kriege ich echt Mitleid mit der heutigen Generation Kindern!

Wenn die heutzutage in den Wald gingen, sich eine gesicherte Feuerstelle einrichteten und die Glut entfachen würden, hätte dies wohl zur Folge dass vier Polizeiautos, zwei Feuerwehrwagen und sieben Kinderpsychologen mit gezogenen Ritalinspritzen, mit Sirene und Bumsfallera auf dem Platz einmarschierten und die Übeltäter ruhig stellen und dem Jugendamt übergeben würden, damit dieses die Unruhestifter sofort zur Adoption frei geben kann. Das sorglose Elternpack wird dann noch mit aller Härte des Gesetzes bestraft, wenn nicht sogar zwangssterilisiert und die Welt wäre wieder ein sicherer Ort!

 

Aber ich schwoff ab…bin abgeschwifft…Ach, ihr wisst was ich meine…

RUSTIKAL  war das Wort um welches ich diese Geschichte hier aufzubauen versucht habe…

Rustikal war in dieser Zeit auch die Medizin! (Ha, geschafft! Zurück in der Spur!)

Lasst mich euch dies an meinem eigenen Beispiel näher bringen!

Es muss etwa so um 1987 herum gewesen sein (das weiss ich noch als wenn’s gestern gewesen wäre: Mathias Rust (-ikal) landete mit seiner Cessna auf dem roten Platz, Pro7 startete sein Programm; damals noch als Eureka TV und das Braunkehlchen wurde „Vogel des Jahres“) als ich beim Spielen auf dem Pausenplatz unglücklich gestürzt worden bin, beim allseits beliebten aber verbotenen „Meitschi müesse Giele foh“ zu deutsch: Mädchen müssen Jungs fangen.

Unglücklich ist allerdings milde ausgedrückt, ich landete auf meinem Handgelenk, welches mit einem so lauten „Knack“ zerbarst, dass es selbst die rauchenden Teenager hinter dem Schulhaus gehört hatten.

Oder um es medizinisch auszudrücken, das Handgelenk war sowas von im Arsch, das glaubste nicht!

Der untere Knochen wölbte meinen Handrücken zu einem 90 Grad Winkel, während der obere selbiges mit der Unterseite zu versuchen schien.

Nun, tut weh, sieht komisch aus, was machen wir (mal abgesehen von sirenenhaftem Geheule?).

Mal beim Brunnen wo sonst der kleine Rüdiger in der Pause immer reingeschmissen wird unter Fliessendwasser halten. Rüdiger ist heute sowieso nicht in der Schule, ist wohl beim Psychologen…oder im Kickboxtraining; danke Jean-Claude Van Damme!

Nun hatte das kühle Nass irgendwie nicht sonderlich geholfen, naja muss mich wohl bei der Lehrkraft melden, könnte auffallen wenn meine Schrift noch unleserlicher ist als sonst.

Zuerst mal einen Anschiss erhalten: „Ich hab euch ja gesagt, dass ihr dieser blöde Spiel nicht spielen sollt! Das hast du jetzt davon, geschieht dir nur recht!“

RUSTIKAL!

„Da gehen wir am besten zum Schularzt!“ meinte sie irgendwo zwischen „unbelehrbarer Bengel“ und „Da werde ich wohl deine Mutter anrufen müssen“!

Nun, war telefonieren zu der Zeit zwar ungleich schwerer als heute, musste man sich doch mit einer Wählscheibe rumschlagen, trotzdem empfand ich dies irgendwie nicht als die Drohung als die sie gedacht war.

Als meine Mutter informiert war, machten wir uns sogleich auf den Weg zum Schularzt welcher auch nur 15 Minuten entfernt seine Praxis hatte.

Zu Fuss.

Da angekommen wartete auch schon die Mama auf mich und wir betraten die Praxis des alten Herr Doktors, welcher seinen selbigen noch zu der Zeit gemacht hatte, als die Beulenpest ihr Unwesen trieb.

Ich erwartete regelrecht, dass er eine alte, rostige Säge hervorkramen würde und mit irrem Grinsen und langsamen Schrittes auf mich zukommen würde und die Worte sprach die jeder Heranwachsende mit Knochenbruch hören wollte:

„Wir müssen amputieren!“

Es spielte sich aber natürlich nicht so ab, nein diese barbarischen Zeiten waren natürlich schon lange vorüber, also sagte er in ruhigem Tonfall: „Das sieht aber nicht gut aus! Hier für dich, ein paar Notfalltropfen!“.

Nun ich war kein Arzt und bin auch keiner geworden, also weiss ich nicht was zum Henker genauso in einem Fläschchen „Notfalltropfen“ ist, meiner zugegebenermassen laienhaften Erfahrung nach, bringen die bei einem doppelten Handgelenkbruch aber etwa so viel wie in einer Vollmondnacht nackt gegen die Schmerzen anzutanzen, aber wer bin ich, diesen weisen, alten Medizinmann zu hinterfragen.

„Sie müssen wohl ins Krankenhaus!“ wandte er sich meiner Mutter zu, was zur Folge hatte das diese meinen Papa in seiner Firma anrief, damit dieser mit dem Auto zu uns kam, damit wir ins Krankenhaus fahren konnten.

Aber ich hatte ja Notfalltropfen! „Maximal drei Tropfen!“ ermahnte mich der gute Doktor, wohlwissend welche Gefahren in so einem Fläschchen warten konnten!

RUSTIKAL!

Später waren wir dann tatsächlich im Krankenhaus, die Ärzte hatten aber noch richtige Notfälle, so mussten wir halt noch ein Stündchen, zwei warten. Ich durfte sogar auf Geheiss des diensthabenden Arztes, welcher mich später auch operierte (er trug im Übrigen den vielsagenden Namen Doktor Hackenbruch; kein Scherz!) nochmal drei Tropfen der Wundermedizin zu mir nehmen!

RUSTIKAL!

Ein paar Jahre später, das Handgelenkt ist wohl per Zufall wieder richtig zusammengewachsen und die Erinnerungen verblassten langsam, schlug das Schicksal wieder zu, wohl in der Annahme dass ich daraus wohl irgendwann einen Text darüber schreiben würde.

Wir hatten einen tollen, orangefarbenen Toyota Corolla, welcher ein paar schicke Rallystreifen an der Seite hatte und ein Stufenheck, welches es der ungestümen Jugend (also mir) ermöglichte das Einsteigen abenteuerlicher zu gestalten indem man sich durch den offenen Kofferraum in das Wageninnere hinein schwang.

Das bereitete Freude und ging einige Zeit lang gut. Einige!

Denn eines schönen Tages, wir waren den Familiengrosseinkauf machen, schwang ich mich auf dem Parkplatz des Supermarktes wie ein kleines Äffchen in den Corolla während meine Mutter den Kofferraum zu knallte.

Allerdings waren meine Finger noch in der Spalte zwischen Autodach und Kofferraumklappe, als diese sich knallend schloss. Natürlich machte ich, in der Art wie sie nur Kindern zu Eigen ist, auf das Malheur aufmerksam: Ich schrie wie am Spiess!

Meine Mutter kümmerte das nicht gross, dachte sie doch, ich wär wohl nur ein bisschen am rumspinnen; wie damals als ich mit der Scherzrasierklinge welche ich in Nachbars YPS-Heft gefunden hatte und meinen Finger damit und ordentlich Ketchup dekoriert hatte , schreiend zu Mama gelaufen war, aber das ist eine andere Geschichte.

Meine Mutter ging also um das Auto herum; nein sie schlenderte gemütlich um das Auto und stieg ein. Ich schrie immer noch. Tatsächlich merkte sie glücklicherweise doch, dass da wohl was nicht stimmte, als ich folgende Worte stammelte: „Ich…Finger…Eingeklemm…“

Wie jede liebende Mutter, stieg sie natürlich sofort aus dem Auto, sprintete um den Wagen und öffnete die Heckklappe…für ca. 0.3 Sekunden.

Ihrer Ansicht nach und die Argumentation verstehe ich vollumfänglich, muss das ja wohl reichen, schliesslich ist der Schmerz ja so gross, dass man seine Fingerchen sobald wie möglich rausziehen möchte.

Dem entgegne ich allerdings und zwar inbrünstig, dass die Definition von „Eingeklemmt“ folgende ist:

  1. so eingeklemmt, eingekeilt sein, dass keine Bewegung mehr möglich ist; festsitzen
  2. durch Einklemmen in einer bestimmten Lage festhalten

Quelle: Duden

Lange Rede, schmerzender Sinn, die Klappe knallte erneut zu, die Finger waren immer noch da wo sie vorher schon waren und Mama schlenderte ein weiteres Mal Richtung Fahrertür, in der irrigen Annahme, dass der Kleine halt immer noch schreit weil‘s wohl weh tut. Wobei sie da nicht mal soo Unrecht hatte.

Beim zweiten Versuch war ich schlauer und wohl auch schneller und zog meine blauen Finger aus der Spalte.

Mit dem Blick welcher nur eine besorgte Mutter haben kann, wurden meine platten Tastwürste betrachtet und natürlich wusste Mama was zu tun ist; ging mit mir wieder in den Supermarkt wo auch eine Apotheke oder Drogerie beheimatet war und kaufte mir… Notfalltropfen!

Die Moral von der Geschichte, früher war nicht alles besser aber RUSTIKALER…

…und so ein paar Fingerchen halten viel mehr aus als manch einer glaubt.